Doppelgänger verbreitet KI-Video gegen Sanktionen

von Lea Frühwirth

Während die EU-Staaten weitere Sanktionen gegen Russland auf den Weg bringen, hat die russische Doppelgänger-Kampagne im Februar 2025 in mindestens acht Sprachen ein Video verbreitet, dass eben jene Maßnahmen angreift und lächerlich machen soll. Darin werden unter anderem die Kanzlerkandidaten Olaf Scholz und Robert Habeck sowie Ursula von der Leyen, Emmanuel Macron und Joe Biden verunglimpft – offenbar unter Einsatz von künstlicher Intelligenz und Schauspieler:innen.

Screenshots Doppelgänger Sanktionenvideo
Screenshots von 36 Accounts, die das Video in derselben Minute gepostet haben

Russische Selbstdarstellung: Eure Sanktionen können uns nichts

Das Video stellt Sanktionen gegen Russland als unwirksame Maßnahme dar, die letztlich jenen schaden würde, die sie verabschiedet hätten. Im Video werden Sanktionen als Bumerang dargestellt, den europäische Politiker:innen wie Scholz, von der Leyen oder Macron von den USA übernehmen und gegen Russland anwenden würden. Der Clip schürt Ängste, indem er Sanktionen als vermeintlichen Auslöser für steigende Benzinpreise, fehlendes Gas im Haushalt, leere Supermärkte und letztlich die Zerstörung der westlichen Welt erzählt, während Russland angeblich souverän unbeeindruckt bleibe. Die Abschlussszene zeigt ein aufgrund der Sanktionen explodiertes Europa, im Vordergrund eine Flagge mit der Aufschrift:“Cancel sanctions! Save Europe!“.

Sanktionenvideo Screenshots
Screenshots aus dem von Doppelgänger verbreiteten prorussischen Video

Das Video transportiert bereits bekannte (pro)russische Narrative, wie die Behauptung einer nicht-souveränen EU, die sich angeblich von den USA den Ton vorgeben lasse. Auch die Behauptung, Sanktionen würden westlichen Bürger:innen das Leben schwer machen, während Russland unbeeindruckt darüberstehe, ist nicht neu. Die diskreditierten Politiker:innen Scholz, Habeck, von der Leyen, Macron und Biden sind ebenfalls immer wieder das Ziel prorussischer Kommunikation. Die wiederholte, koordinierte Verbreitung von russischen Einflusskampagnen zu den vermeintlich wirkungslosen Sanktionen legt das Gegenteil nahe: Es scheint Russland wichtig zu sein, Sanktionen zu verhindern oder abzubauen.

Für die Darstellung der abgebildeten Personen scheinen sowohl KI als auch Schauspieler:innen zum Einsatz gekommen zu sein. Dafür sprechen auch Untersuchungen zu früheren Videos, die ebenfalls dem vermeintlichen Urheber „Little Bug“ zugeordnet wurden, wie etwa ein Video gegen Joe Biden im US-Präsidentschaftswahlkampf 2024. So persifliere der vermeintliche Urheber der Videos „Little Bug“ in Namensgebung, Logo und imitiertem Sänger die russische Band „Little Big“.

Screenshot Sanktionenvideo
Im Video werden unter anderem Olaf Scholz, Ursula von der Leyen und Emmanuel Macron verunglimpft
Screenshot Sanktionenvideo Habeck
Auch Robert Habeck wird im Video negativ abgebildet

Doppelgänger verbreitet das prorussische Video in hunderten Beiträgen in acht Sprachen

Im Februar 2025 wurde das aktuelle Video mindestens 637 Mal von Doppelgänger-Accounts auf X gepostet, verteilt auf vier Tage. Während über die erste Beitragswelle am 3. Februar 2025 bereits von mehreren Medien u. a. mit Verweis auf Daten der Organisation Antibot4Navalny berichtet wurde, (1, 2) setzten Doppelgänger-Accounts auf X die Verbreitung im Verlauf des Monats fort. So konnte CeMAS für den 3., 14., 16. und 17. Februar 2025 Hunderte Beiträge mit dem Video dokumentieren, die laut X-Metriken bis zum 19. Februar insgesamt auf über 414.000 Ansichten kamen. Diese Metrik ist als grobe Orientierung einzuordnen, da sie beispielsweise durch die künstliche Verbreitung der Beiträge verzerrt sein kann. Weitere Posts nach Redaktionsschluss (19.2.2025) sind nicht auszuschließen.

2025-02 DG X Sanktionsvideo timeline
Zeitliche Verteilung der Doppelgänger-Beiträge mit Sanktionenvideo auf X nach Sprache

Die meisten Beiträge wurden auf Deutsch verfasst (143), gefolgt von Französisch (100), Türkisch (98), Italienisch (91), Spanisch (76), Polnisch (71), Englisch (47) und Griechisch (11). Wie üblich teilen die Accounts die Videos nicht unkommentiert, sondern stellen wenige Zeilen Text voran, die formuliert sind, als würde ein:e deutsche:r Bürger:in über das aktuelle Weltgeschehen sinnieren. Passend zum Video werden Sanktionen gegen Russland in den deutschen Texten für wirtschaftliche Probleme verantwortlich gemacht, und es wird zur Kooperation mit Russland aufgerufen. Die Beiträge wurden, wie bei Doppelgänger üblich, von vielen weiteren Accounts systematisch in Form von Antworten auf Inhalte Dritter weiterverbreitet, um Nutzer:innen zu erreichen. Sowohl für die Ursprungsbeiträge als auch für diese Reply-Quotes konnten vereinzelte Antworten augenscheinlich unbeteiligter Dritter dokumentiert werden:

Screenshots Replies
Screenshots von Antworten Unbeteiligter auf die Doppelgänger-Beiträge auf X

Verbreitung des Videos außerhalb der Doppelgänger-Kampagne

Abseits der koordinierten Verbreitung durch Doppelgänger-Accounts fielen außerdem einzelne X-Accounts auf, die das Video bereits vor der ersten Doppelgänger-Welle gepostet hatten. Darunter fanden sich auch zehn kostenpflichtig verifizierte X-Konten, die dem prorussischen Video teils deutliche Reichweite verschafft hatten. Laut X-Metriken kam das prorussische Video durch diese Beiträge allein auf über 8,5 Millionen Views. Während die Views-Metrik eher als grobe Orientierung zu interpretieren ist – etwa würde eine Person, die zwei der Beiträge sieht, als zwei Views gezählt – handelt es sich hierbei doch um eine besorgniserregend hohe Zahl.

Screenshots verified
Screenshots von Beiträgen verifizierter Accounts, die das Video auf X gepostet haben

Auch abseits von X fanden sich einzelne Beiträge mit dem prorussischen Video, etwa auf Instagram (5), Facebook (3), Telegram (3), TikTok (1), Threads (1) und Bluesky (1). Für diese Inhalte liegen keine Hinweise auf koordinierte Verbreitung vor, auch kann hier kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben werden.

Screenshot Instagram
Screenshot eines Instagram-Beitrags, in dem das Video geteilt wurde
Screenshot bluesky
Screenshot eines Bluesky-Beitrags, in dem das Video geteilt wurde

Fazit

Die durch Doppelgänger koordinierte Verbreitung des prorussischen Videos über mehrere Sprachen hinweg legt ein besonderes Interesse der russischen Auftraggeber an den darin transportierten Narrativen nahe. Sowohl die Stimmungsmache gegen Sanktionen gegenüber Russland als auch die Diskreditierung westlicher Politiker:innen scheint entsprechend wichtig zu sein. Brisanz erhält der Vorfall einerseits durch die direkte Verunglimpfung zweier deutscher Kanzlerkandidaten mittels KI-Technologie wenige Tage vor der Bundestagswahl. Andererseits wirft die Verbreitung über verifizierte Konten auf X Fragen auf. Diese Accounts hatten das prorussische Video nicht nur auffallend früh gepostet, sondern ihm laut X-Daten auch noch zu einer millionenfachen Exposition verholfen.

Über die Autorin

Folgen Sie uns aufBluesky: @cemas.ioInstagram: @cemas_io